Friedhof auf der Haide
48° 13' 10.85" N, 16° 22' 34.47" E zur Karte im Wien Kulturgut
Friedhof, auch Gottesacker auf der Haide (2., im Bereich, der heute durch Malzgasse 12 und 12A, Leopoldsgasse 16–22 und Schiffamtsgasse 17 und 19 begrenzt wird; zur Pfarre „Zum heiligen Leopold" gehörend als Erweiterung des seit 1671 bestehenden Friedhofs bei der Leopoldskirche).
Geschichte
Wann genau der „neue“ Friedhof errichtet wurde, ist aufgrund fehlender Quellen unklar. Im Zuge der Einrichtung der Leopoldskirche an der Stelle der ehemaligen Synagoge waren 1671 fünf Häuser der „Judenstadt“, die sich rund um die ehemaligen Synagoge befanden, abgerissen worden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass zeitgleich mit der Errichtung der Leopoldskirche um diese der Friedhof um die Kirche errichtet wurde.
Dieser Kirchenfriedhof dürfte für die sich rasch entwickelnde Leopoldstadt relativ schnell zu klein geworden sein, vor allem auch nachdem die Leopoldstadt 1679 von der Pest getroffen wurde.[1] Im ersten erhaltenen Sterbebuch der Pfarre Leopoldstadt mit Einträgen ab dem November 1683 wird bei den Bestattungen bereits unterschieden zwischen „in neuen Freidhoff begraben“ und „in Kirchen freidhoff begraben“ sowie „in Kirchen grufft begraben“. Bereits im November und Dezember 1683 wurde der Großteil der Toten der Pfarre Leopoldstadt „im neuen Friedhof“ begraben, nur wenige auf dem Kirchenfriedhof. Bei den im Kirchenfriedhof Begrabenen fielen zudem offensichtlich extra Kosten an, die im Sterbebuch vermerkt sind (zum Beispiel „mit 5 Priester 7 fl 30“).[2]
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Auf dem Grundrissplan von Wien mit Vorstädten und dem Linienwall aus dem Jahr 1706 von Leander Anguissola und Johann Jakob Marinoni scheint mit einem „d“ bezeichnet der Friedhof auf der Haide auf (in der Beschreibung unter „d“ schlicht als „Friedhof“ bezeichnet).[3] Auch Alois Groppenberger von Bergenstamm bestätigt, dass sich „[a]uf der Haide rückwärts des Zuchthauses […] der Gottesacker“ befand.[4]
Einen Verweis auf den Kirchenfriedhof gibt es auf dem Stadtplan von Anguissola und Marinoni nicht, sehr wohl aber auf die Leopoldskirche (in der Beschreibung unter „c“). Auf den Stadtplänen von Huber (1773/1778) und Nagel (1780) sind beide Friedhöfe, das heißt der Friedhof auf der Haide sowie der Friedhof um die Leopoldskirche, erkennbar. Neben dem Friedhof auf der Haide befanden sich Küchengärten mit Ziehbrunnen. Bis auf ein Gebäude mit der damaligen (1779) Konskriptionsnummer 52 (1779, Eigentümer Jakob Sedelmayer, bürgerlicher Kuchelgärtner[5]; letzte Konskriptionsnummer 82 laut dem Häuserverzeichnis von Anton Behsel, heute Malzgasse 8, Ecke Raimundgasse) war der Bereich unverbaut.
Gegenüber befand sich das Brauhaus in der Leopoldstadt, das wohl 1676 in Betrieb genommen wurde. Der Friedhof selbst war – wie auf dem Stadtplan von Huber (1778) zu erkennen ist – sowohl entlang der drei Seiten Richtung Straßenraum als auch gegenüber dem daneben liegenden Küchengarten vollständig mit einer Mauer umgeben. Der Eingang in den Friedhof dürfte sich im Bereich der heutigen Leopoldgasse 18 befunden haben. Gegen die heutige Malzgasse 12A ist an der Friedhofsmauer eine kleine Kapelle zu erkennen, an der Mauer in der Ecke Malzgasse und gegen den angrenzenden Küchengarten befand sich ein größeres Gebäude, das möglicherweise als Leichenkammer genutzt worden sein könnte. Vom Eingang, der zugleich als Ausgang diente, führte ein Weg auf den zentralen Platz des Friedhofs. Dort befand sich im Zentrum eines einfachen Wegekreuzes in der Mitte des Friedhofs eine massive Säule. Wem sie gewidmet war, ist nicht nach derzeitigen Quellenstand bekannt. Von diesem zentralen Platz mit der Säule führten vier Wege weg, der bereits genannte Weg Richtung Eingang beziehungsweise Ausgang (heute Bereich Leopoldsgasse 18), einer Richtung Friedhofskapelle (heute Bereich Malzgasse 12A), einer Richtung der heutigen Adresse Schiffamtsgasse 19 und einer Richtung Küchengarten (dieser Bereich markiert heute eine Begrenzung/Halbierung eines Hofraum eines Häuserblocks, der die Malzgasse, Leopoldsgasse, Schiffamtsgasse und Raimundgasse umfasst).
Nachdem die Leopoldskirche 1722-1724 völlig neu errichtet wurden, wurde der sie umgebende Kirchenfriedhof einige Jahre später mit einer (neuen?) Begrenzung umgeben. Laut Alois Groppenberger von Bergerstamm sowie der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der neuen Kirche wurden 1732 nämlich zudem „mehrere zunächst gelegene Häuser gekauft, der Pfarrhof vergrößert, um die Kirche ein Friedhof mit der Kapelle des heil. Lazarus angelegt, derselbe durch eiserne Gitter geschlossen, und der Haupteingang mit den Statuen des heil. Leopold und Florian“ versehen.[6] Ob der „alte“ Kirchenfriedhof beim Neubau der Kirche abgeräumt wurde und an der Stelle der Häuser neu angelegt oder nur erweitert wurde, kann aufgrund der obigen Aussage nicht beantwortet werden. Der Friedhof auf der Haide blieb vom Umbau der Kirche sowie der Neugestaltung des Kirchenfriedhofs unberührt und wurde weiterhin als maßgeblicher Friedhof der Leopoldstadt belegt.
Mit dem Verbot der Friedhöfe innerhalb der Linien unter Joseph II. wurde neben dem Friedhof rund um die Leopoldskirche auch der Friedhof auf der Haide aufgelöst. Ab 1787 erfolgte die Parzellierung und Verbauung des ehemaligen Friedhofs auf der Haide.[7] Auf dem Stadtplan von 1812 ist der Bereich bereits dicht verbaut. Laut Anton Behsels Häuserverzeichnis aus dem Jahr 1829 befanden sich Richtung der heutigen Malzgasse nunmehr drei Gebäude (letzte Konskriptionsnummern 79, 80 und 81) am Gottesacker.[8] Die Bezeichnung Am Gottesacker ist noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts nachweisbar. 1862 wurde die Malzgasse benannt.
Siehe auch
- Friedhöfe
- Friedhof Leopoldskirche
- Leopoldskirche (2, Alexander-Poch-Platz)
- Leopoldstadt (Vorstadt)
- Judenstadt (2, Unterer Werd)
Quellen
- Wiener Stadt- und Landesarchiv, Kartographische Sammlung, Stadtbauamt, P1: 201732D: Leander Anguissola und Johann Jacob Marinoni: Grundrissplan von Wien mit Vorstädten und dem Linienwall: "Accuratissima Viennæ Austriæ Ichnographica Delineatio", 1706
- Matricula-online: Pfarre St. Leopold, Sterbebuch: Band 1, fol. 1
Literatur
- Anton Behsel: Verzeichniß aller in der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien mit ihren Vorstädten befindlichen Häuser. Wien: Gerold 1829
- Alois Groppenberger von Bergenstamm: Geschichte des unteren Werds, oder der heutigen Leopoldstadt: Aus Urkunden gezogen. Von dem Verfasser den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt zur Unterstützung ihres Krankenspitals gewidmet. Wien: Aus der kaiserl. königl. Hof- und Staatsdruckerey 1812
- Die hundertjährige Jubelfeyer der Pfarrkirche zum heiligen Leopold in der Leopoldstadt, welche von dem 13. November 1824 durch neun Tage feyerlich begangen wird. Mit einer kurzen Geschichte von dem Ursprunge der Leopoldstadt und ihrer ältesten Pfarrkirche und einer für diese Feyerlichkeit eigends verfaßten neuntägigen Andachtsübung. Wien: Franz Wimmer 1824
Referenzen
- ↑ Laut Alois Groppenberger von Bergenstamm: Geschichte des unteren Werds, oder der heutigen Leopoldstadt: Aus Urkunden gezogen. Von dem Verfasser den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt zur Unterstützung ihres Krankenspitals gewidmet. Wien: Aus der kaiserl. königl. Hof- und Staatsdruckerey 1812, S. 33, wurde die Leopoldstadt „ein Gottesacker, und man weiß, dass in ihrem Bezirke bey 10000 Menschen begraben wurden.“ Auch wenn die Zahl der Pesttoten übertrieben ist, wurde möglicherweise dennoch in diesem Zusammenhang ein neuer Friedhof angelegt, der dann dauerhaft genutzt und als „neuer Friedhof“ bezeichnet wurde.
- ↑ Zum Beispiel Matricula-online: Pfarre St. Leopold, Sterbebuch: Band 1, fol. 1.
- ↑ Wiener Stadt- und Landesarchiv, Kartographische Sammlung, Stadtbauamt, P1: 201732D: Leander Anguissola und Johann Jacob Marinoni: Grundrissplan von Wien mit Vorstädten und dem Linienwall: "Accuratissima Viennæ Austriæ Ichnographica Delineatio", 1706.
- ↑ https://www.digital.wienbibliothek.at/wbrobv/content/pageview/360883 Alois Groppenberger von Bergenstamm: Geschichte des unteren Werds, oder der heutigen Leopoldstadt: Aus Urkunden gezogen. Von dem Verfasser den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt zur Unterstützung ihres Krankenspitals gewidmet. Wien: Aus der kaiserl. königl. Hof- und Staatsdruckerey 1812, S. 46].
- ↑ Franz de Ponty: Verzeichniß der in der Kaiserl. Königl. Haupt- und Residenzstadt Wien, sammt dazu gehörigen Vorstädten, und Gründen, befindlichen numerirten Häusern derselben Eigenthümern, und deren Conditionen, Schilderen, Gassen, Grund-Obrigkeiten, Pfarreyen, und derzeit Bezirksaufsehern: auf das genaueste nach denen Grundbüchern entworfen. Wien 1779, S. 124.
- ↑ Zitat: Die hundertjährige Jubelfeyer der Pfarrkirche zum heiligen Leopold in der Leopoldstadt, welche von dem 13. November 1824 durch neun Tage feyerlich begangen wird. Mit einer kurzen Geschichte von dem Ursprunge der Leopoldstadt und ihrer ältesten Pfarrkirche und einer für diese Feyerlichkeit eigends verfaßten neuntägigen Andachtsübung. Wien: Franz Wimmer 1824, S. 13. Weiters Alois Groppenberger von Bergenstamm: Geschichte des unteren Werds, oder der heutigen Leopoldstadt: Aus Urkunden gezogen. Von dem Verfasser den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt zur Unterstützung ihres Krankenspitals gewidmet. Wien: Aus der kaiserl. königl. Hof- und Staatsdruckerey 1812, S. 72. Der Kaufpreis betrug 4151 fl.
- ↑ Alois Groppenberger von Bergenstamm: Geschichte des unteren Werds, oder der heutigen Leopoldstadt: Aus Urkunden gezogen. Von dem Verfasser den barmherzigen Brüdern in der Leopoldstadt zur Unterstützung ihres Krankenspitals gewidmet. Wien: Aus der kaiserl. königl. Hof- und Staatsdruckerey 1812, S. 51.
- ↑ Anton Behsel: Verzeichniß aller in der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien mit ihren Vorstädten befindlichen Häuser. Wien: Gerold 1829, S. 39.